Was wirklich hilft – und was nur Lärm ist
Olivier Fuchs

KI-Tools gibt es wie Sand am Meer. Hier ist, was in der Praxis von Kommunikationsabteilungen tatsächlich einen Unterschied macht.
In Post 1 haben wir den Blick geweitet: KI in Kommunikationsabteilungen ist weit mehr als schnelleres Schreiben. Aber was bedeutet das konkret im Alltag? Welche Tools bringen wirklich etwas – und welche erzeugen vor allem Aufwand und Ernüchterung?
Als wir begonnen haben, eine KI-Anwendungen für Kommunikationsabteilungen zu entwickeln, haben wir uns genau diese Fragen gestellt. Nicht theoretisch, sondern durch Ausprobieren. Was folgt, sind keine Produktempfehlungen – sondern Erfahrungen aus der Praxis, inklusive der Momente, in denen wir dachten, es funktioniere, und es dann doch nicht tat.
Der häufigste Fehler beim Einstieg
Viele Abteilungen starten mit dem falschen Fokus: Sie suchen das eine perfekte Tool, das alles löst. Das gibt es nicht. Was funktioniert, ist ein modularer Ansatz – verschiedene Tools für verschiedene Aufgaben, sinnvoll kombiniert. Nicht jedes Teammitglied braucht alles. Aber jede Aufgabe verdient das richtige Werkzeug. Das klingt nach mehr Aufwand – in der Praxis ist es weniger, weil man nicht versucht, einen Hammer für alles zu nutzen.
Was in der Praxis funktioniert
Texterstellung & Content. Der offensichtlichste Einstieg – und trotzdem oft falsch angegangen. KI schreibt keinen guten Text auf Knopfdruck. Was sie kann: einen soliden Erstentwurf liefern, Varianten generieren, Tonalität anpassen, lange Inhalte kürzen. Der Mensch bleibt Redakteur. Wer das versteht, spart echte Zeit. Wer das nicht versteht, korrigiert mehr als er schreibt – und kommt zum Schluss, KI tauge nichts.
Recherche & Briefings. Hier liegt eines der grössten ungenutzten Potenziale. Ein Themen-Briefing, das früher zwei Stunden gedauert hat, lässt sich mit KI in 20 Minuten auf ein brauchbares Niveau bringen. Hintergründe zusammenfassen, Quellen sichten, erste Struktur vorschlagen – das ist genau die Art von repetitiver Kognitionsarbeit, bei der KI glänzt und Menschen sich fragen, warum sie es je manuell gemacht haben.
Medienmonitoring & Auswertung. KI kann grosse Mengen an Mediendaten schnell analysieren, Tonalität einschätzen und relevante Themen clustern. Was früher Tage gedauert hat – eine Auswertung nach einer Kampagne oder Krise – geht heute in einem Bruchteil der Zeit. Das verändert nicht nur den Aufwand, sondern wie schnell eine Abteilung reagieren und aus Erfahrungen lernen kann.
Bildgenerierung. Nicht als Ersatz für professionelle Fotografie oder Grafikdesign – aber als echter Beschleuniger in der Konzeptphase. Moodboards, erste Visualisierungsideen, Platzhalter für Präsentationen: Das spart Runden mit Agenturen und gibt dem Team mehr Eigenständigkeit im kreativen Prozess, lange bevor ein externer Dienstleister involviert werden muss.
Übersetzungen mit Glossar. Einer der unterschätztesten Anwendungsfälle – besonders für mehrsprachige Organisationen. KI-gestützte Übersetzungen mit einem hinterlegten Unternehmensglossар stellen sicher, dass Markenbegriffe, Produktnamen und Tonalität konsistent bleiben. Das Ergebnis ist nicht nur schneller, sondern oft auch konsistenter als klassische Übersetzungsprozesse – weil das Glossar keine schlechten Tage hat.
Was wir gelernt haben
Beim Aufbau unserer Anwendungen haben wir früh gemerkt: Der technische Teil ist lösbar. Die eigentliche Arbeit liegt in den Fragen davor – und dahinter. Welche Aufgaben lohnen sich wirklich für KI-Unterstützung? Wie stellen wir Qualität sicher? Wie bleibt die Markenstimme erkennbar, wenn mehrere Mitarbeitende mit KI-Unterstützung produzieren?
Diese Antworten sind nicht universell. Jede Abteilung muss sie für sich finden – am besten durch Ausprobieren, nicht durch Analysieren. Was wir aber sagen können: Wer einmal einen funktionierenden Prozess etabliert hat, möchte nicht mehr zurück.
Der technische Teil ist lösbar. Die eigentliche Arbeit liegt in den Fragen davor.
Und dann ist da noch Agentic Engineering (aka Vibe Coding)
Das Spannendste kommt zum Schluss – und es ist das, was die meisten Führungskräfte noch nicht auf dem Radar haben. Vibe Coding bedeutet: Mit natürlicher Sprache eigene digitale Tools bauen. Kein Programmierwissen notwendig. Man beschreibt, was man braucht – und ein KI-System erstellt den Code dazu. Was sich nach Science Fiction anhört, ist heute Realität.
Was bedeutet das für Kommunikationsabteilungen? Eine Kommunikatorin beschreibt in einfachen Worten, was sie braucht: «Ich möchte ein interaktives Dashboard, das unsere Medienpräsenz der letzten drei Monate visualisiert.» Oder: «Ich brauche eine einfache Webseite für unsere Kampagne, die sich selbst aktualisiert.» Oder: «Erstell mir ein Tool, das unsere Social-Media-Zahlen automatisch auswertet und als Präsentation aufbereitet.» Früher war das ein Auftrag an die IT-Abteilung oder eine externe Agentur – mit entsprechenden Wartezeiten und Kosten. Heute kann ein Kommunikationsteam solche Dinge selbst umsetzen. In Stunden, nicht Wochen.
Das ist keine Spielerei. Das ist eine fundamentale Verschiebung in der Handlungsfähigkeit von Kommunikationsabteilungen. Wer das früh versteht und ausprobiert, verschafft sich einen echten Vorsprung.
Für diese Woche
Wählt einen der fünf Bereiche oben – den, wo euer Team heute die meiste Zeit verliert. Testet einen KI-Ansatz dafür, ohne Perfektionsanspruch. Was überrascht euch? Was enttäuscht? Beides ist wertvolle Information.